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Wie ich die Angst vor dem Sterben verlor

Mama, warum sterben Babies auch? Vor dieser Frage stand und stehe ich meiner vierjährigen Tochter gegenüber. Denn ihre vier Monate alte Schwester ist von uns gegangen. Manchmal passieren Dinge, die wir nicht wollen, aber trotzdem nicht aufhalten können... versuche ich es zu erklären. Und genau da ist der Punkt für mich, an dem meine weibliche Urkraft einsetzt und die Frage nach dem Warum überspringt. Warum ist eine Frage des Verstandes. Die erste Antwort wäre: weil meine Tochter eine unheilbare Herzerkrankung hatte. Aber warum?!? Diese Frage bringt mich nicht weiter.

Meine Instinktnatur weiß, dass der Tod zum Leben gehört. Traurigkeit. Hilflosigkeit. Wut. Nicht-Wahr-Haben-Wollen. All das kommt in mir hoch. Dann geht es wieder. Kommt wieder hoch. Und geht wieder.

 

Ich lerne Demut vor etwas, das weit größer ist als ich und wir.

 

Was jetzt gerade passiert, ist ungeahnte Nähe zu so vielen Menschen in meinem Leben, für die ich unendlich dankbar bin. Was auch passiert, ist unerwartete Offenheit so vieler Frauen mir gegenüber, deren Kinder vor ihnen gegangen sind. In der Schwangerschaft. Als Baby. Als Kinder. Als Erwachsene.

 

Es passiert. So viel öfter, als wir zu ahnen wagen. 

 

Doch wie gehen wir mit unserer tiefsten Traurigkeit um? Wie überleben wir diese Grenzerfahrung? Wo können wir uns Hilfe holen? Trauen wir uns überhaupt uns einzugestehen, dass wir Hilfe brauchen? Werden wir unser ganzes Leben nur noch traurig sein? Dürfen wir trotz allem lachen? Trauern wir wie es die Menschen um uns herum erwarten oder auf unsere ureigenste Weise?

 

Es sind die Glückskinder, die die Erde überspringen dürfen, um dort hinzugelangen, wofür wir einen weiten Weg gehen müssen.* 

 

Als solches Glückskind möchte ich unser Sternschnuppenkind sehen. Als es ihr immer schlechter ging, versprach ich ihr, da zu sein und sie zu begleiten, was auch immer ihr Weg war. Ich versprach ihr, mit ihr zu kämpfen, wenn sie die Kraft dazu hätte. Ich versprach ihr, sie gehen zu lassen, wenn sie es dies lieber wollte.

 

Und so ließ ich sie gehen.

 

Doch: den Tod eines anderen Menschen müssen wir leben. Wir gestalteten eine wunderschöne Zeremonie beim Sternschnuppenbaum, für uns und unsere größere Tochter, für unsere Familien, unsere Freunde und deren Kinder. Zur Verabschiedung gab wir folgende Geschichte:

 

Ein Augenblick für die Ewigkeit

 

Es war einmal ein kleiner Stern, der sich über alles wünschte als Sternschnuppe den Himmel zu erhellen. Denn er war ein kleiner Stern unter vielen, ja unter Tausenden – keiner bemerkte ihn am großen Himmelszelt und so fühlte er sich klein und unbedeutend.

Doch als Sternschnuppe wäre dies völlig anders, da war er sich sicher. Denn Sternschnuppen erhellten nicht nur den Himmel, sondern auch die Herzen der Menschen. Bestimmt würde sich jeder Sternengucker über seinen großen Auftritt freuen. Er würde Oooh’s und Aaah’s ernten, er wäre einzigartig – zumindest für diesen einen kurzen Augenblick.

Doch was dann? Würden sich die Menschen auch nach dieser Nacht noch an ihn erinnern?

War er bereit für diese eine kurze „Show seines Lebens“ die Ewigkeit zu opfern, die er als Stern geschenkt bekommen hatte? Der kleine Stern kam ins Grübeln.

Er hatte viel zu verlieren und doch könnte dieser eine Augenblick alles verändern – ER, dieser kleine Stern, könnte etwas verändern. Denn Menschen an den verschiedensten Orten der Welt würden seinen leuchtenden Schweif erblicken, sie würden neue Hoffnung schöpfen, Wünsche gen Himmel schicken und diesen Moment in ihr Herz schließen. Und an dem Tag, an dem ihr Herzenswunsch Wirklichkeit werden würde, würde er seine Ewigkeit zurück erlangen. Sie würden ihm das zurück schenken, was er nun zu geben bereit war.

Und so entschloss er sich dazu, sich als Sternschnuppe zu bewerben. Es dauerte nicht lang, da war der Tag gekommen, an dem der kleine Stern seinen großen Tag hatte.

Die anderen Sterne bewunderten seinen Mut. Er war einer der Jüngsten und doch fest entschlossen. Alle Zweifel hatte er besiegt, denn er war sich sicher: Mit diesem einen kurzen Augenblick würde er sich selbst das größte Geschenk machen – er würde seinem Dasein einen Sinn geben, indem er zumindest die Chance auftat, einem Menschen den Weg zu leuchten…den Weg in Richtung seines Herzenswunsches.

Und so sollte es sein…der kleine Stern nahm einen kurzen Anlauf und fiel dann in die Tiefe der Nacht herab. Sein Leuchten teilte den Himmel und er vernahm noch ein freudenerfülltes „Aaaah“, ehe sein Licht erlosch und zugleich das Licht der Hoffnung in den Herzen der Wünschenden entflammte.** 

 

Herzensgrüße,

Sigrid

 

P.S.: Noch bin ich nicht soweit, aber ich werde das Rote Zelt aufbauen. Für Frauen, die Raum für ihre Trauer suchen. Einen Raum, in dem wir sprachlos oder wortreich sein dürfen und Wege zurück ins Leben finden können.

 

* Quelle des Zitats unbekannt

** Geschichte von Karima Stockmann auf lebensfreude-heute.de

 

 

 

 

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