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Tabula Rasa – Raum für neue Bilder in meinem Kopf

Da sind diese Bilder. In mir. In meinem Kopf. Bilder davon, wie ich dachte, dass mein Leben sein würde. Davon wie ich plante, dass es sein sollte. Doch dann ging etwas plopp und ich erkannte, dass das Bild bloß eine Spiegelung in einer Seifenblase war. Es war nicht die Realität, die ich erlebte. 

 

Jeder Mensch von uns trägt Bilder in sich, wie wir unser Leben wünschen.

 

Doch manchmal scheint das Schicksal seinen eigenen Kopf zu haben. Oder wir bekommen, was wir uns erhofft haben und erkennen, dass die Realität nicht so rosarot ist, wie in unserem inneren Bild der Situation. 

 

... vielleicht geht es dir wie der Frau, die immer eine große Familie haben wollte und dann feststellt gar keine Kinder gekommen zu können.

 

... vielleicht geht es dir wie der Frau, die sich gewünscht hat von ihrem Vater vor den Traualtar geführt zu werden und dieser leider viel zu früh verstorben ist.

 

... vielleicht geht es dir wie der Frau, die sich so sehr ein Kind gewünscht hat und dann als Mutter unglücklich ist.

 

... vielleicht geht es dir wie der Frau, die jahrelang an ihrer schwierigen Beziehung zu ihrem Mann gearbeitet hat und dann, als endlich eine glückliche Beziehungszeit eintritt, ihren Mann unerwartet durch eine unheilbare Krankheit verliert.

 

... vielleicht geht es dir wie der Frau, die immer unabhängig sein wollte und sich dann als Mutter der drei Kinder ihrer großen Liebe wiederfindet.

 

... vielleicht geht es dir wie der Frau, die alles in ihre Familie investiert hat und von ihrem Mann wider erwarten verlassen wird.

 

... vielleicht geht es dir wie der Frau, die dachte, sie würde sich niemals scheiden lassen und es dann doch tut.

 

... vielleicht geht es dir wie der Frau, die sich Unterstützung mit den Kindern von ihrer Mutter erhofft hat und feststellt, dass sie diese nicht erhalten wird.

 

... vielleicht geht es dir wie der Frau, die voller Freude übersiedelt und dann feststellt in der neuen Umgebung unglücklich zu sein. 

 

...

 

Vielleicht hast du dich in der einen oder anderen Frau wiedererkannt. Sicher hast du auch Momente erlebt, die so ganz anders waren als erhofft. Ich finde mich in einigen Geschichten selbst wieder. Manches ist bisher in meinem Leben so gekommen wie gewünscht. Manche Bilder musste ich loslassen.

 

 

LOSLASSEN BEDEUTET VERABSCHIEDEN

 

Mir helfen dir diese vier Schritte beim Abschied:

 

1. Eingestehen

Im ersten Schritt gestehe ich mir ein, dass etwas nicht nach meinen Wünschen, Plänen und Sehnsüchten geschieht. Das löst vermutlich verschiedene Gefühle in dir aus. Traurigkeit. Wut. Ohnmacht. Angst. Das ist okay. Ich gebe zu, es ist meist nicht angenehm diese Gefühle zuzulassen. Somit ergibt sich daraus der nächste Schritt, der dir vielleicht Mut abverlangt:

 

2. Gefühle zulassen

Gefühle sind an sich nicht gut oder schlecht. Wir empfinden sie angenehm oder weniger angenehm.  Den unangenehmen gehen wir lieber aus dem Weg. Doch Gefühle nicht auszudrücken ist, als ob du langsam Wasser in ein Gefäß tropfen lässt. Irgendwann geht es über. Einen kleiner Fluss kann ruhig fließen, wenn ein Staudamm bricht, kann vorerst die Kontrolle verloren gehen.

 

Ich kenne das Gefühl sich nicht trauen loszuweinen, weil ich früher Angst hatte vielleicht nie wieder damit aufzuhören. Ich war gewohnt alles "runterzuschlucken". Daher sind mir oft zu eigenartigen Anlässen die Tränen gekommen, was mir dann manchmal wirklich peinlich war. Erst rückblickend verstehe ich mein Verhalten.

 

Wenn es dir ähnlich geht, kannst du dir dieses Frage stellen: 

Ist es mir schon einmal passiert, dass ich nicht zu weinen/schreien/zittern/... aufhören konnte? 

 

Die Wahrheit ist, dass du dich wieder beruhigen wirst. Manchmal schneller, manchmal wird es mehr Zeit brauchen.

 

Gefühle kommen und gehen.

Gefühle blieben nicht ewig.

Angenehme Gefühle vergehen genauso wie unangenehme.

Oder beginnst du etwa nicht herzhaft zu lachen, weil du Angst hast, du könntest nicht zu lachen aufhören?

 

3. Dankbar sein

Um Abschied zu nehmen, hilft es dir bewusst zu machen, was das alte Bild dir gebracht hat. Vermutlich hat es dir bisher Stabilität gegeben. Es hat dich wahrscheinlich viele Jahre gut begleitet. Deinem alten inneren Bild zu folgen hat dir schöne und glückliche Momente in dein Leben gebracht. Honoriere diese.

 

4. Handlung setzen

Ein Übergangsritual von einer Phase in die nächste kennzeichnet den Wechsel in einen neuen Abschnitt. Das kann auf verschiedene Arten passieren.  Wenn du gut zeichnen kannst, könntest du das Bild skizzieren und symbolisch verbrennen. Du könntest auch das Bild in Worten niederschrieben mit einem Heliumballon in die Luft stiegen lassen. Du kannst ein Symbol in der Natur suchen und in einem Gewässer davonschwimmen lassen. Es kann auch helfen alte Dinge wie Kleidungsstücke in die Altkleidersammlung zu geben. Gib weg, was Neuem Platz nimmt.

 

Alles, was dich deine Hände öffnen lässt, symbolisiert das Loslassen.

 

Auch hier finde ich es wichtig, dass dies in Dankbarkeit passiert.

Nicht aus Trotz, weil das Leben so gemein ist. 

Sondern aus Liebe zu mir, um Raum für Neues zu machen. 

Wehmut darf sein.

 

 

UND DANN?

Vielleicht fühlst du dich anfangs noch unsicher wie ein neugeborenes Reh, das auf viel zu langen Beinen durch das Leben wackelt. Ein innerer Neubeginn heißt nicht, dass es nicht mehr weh tun wird, sondern dass du offen für neue schöne Momente bist. Dadurch, dass du das alte Bild verabschiedet hast, öffnet sich dein Blick für ein neues Bild.

 

Nach dem Tod meiner jüngeren Tochter, als ich nach Monaten der Angst um sie zur Ruhe kam und das Gefühl hatte wieder atmen zu können, habe ich diese Zeilen geschrieben. Auch in der Traurigkeit dürfen wir Lichtblicke auf eine gute, wenn auch anders als erhoffte Zukunft richten.

 

Tabula Rasa

 

Sie stand da. Vor ihrem Leben. 

Wie ein leeres Blatt Papier. 

Lag es vor ihr. 

In Ihr. Alles. Was sein sollte. Konnte. Durfte. 

Tabula Rasa. 

Welch Glück dies erleben zu dürfen. 

Welch beflügelndes Gefühl. 

Leere. 

Sie hatte gelernt mit Leere zu leben. Leere willkommen zu heißen. 

Denn Leere gibt Raum. 

Raum, der neu befüllt werden kann. 

Mit Leben. 

Einem neuen Leben. 

Altes darf in der Vergangenheit bleiben. 

Es war. War gut. Gut, dass es da war. 

Wichtig. Ja, so wichtig. Wichtig für jetzt. 

Für hier. 

Für diesen Moment. 

Diesen Moment der Tabula Rasa. 

Das Leben wie ein leeres Blatt Papier. 

Vor ihr. 

Wie schön.

 

Ich bin durch diesen bisher größten Abschied, den ich in meinem Leben tun musste, ganz im Hier und Jetzt angekommen. Ich habe gelernt, gute Momente wahrzunehmen und zu würdigen. Egal wir klein, egal wie groß.

 

Ich kann jeden Moment entscheiden neu zu beginnen.

Ein neues Kapitel aufzuschlagen und meiner Geschichte eine neue Wendung geben. Ein neues Blatt Papier zu nehmen und es in meinen Lieblingsfarben zu bemalen.

 

Abschied nehmen heißt nicht Vergangenes zu vergessen.

Verabschieden bedeutet für mich ruhen zu lassen, was vorbei ist.

 

Mögest du den Mut finden die Regisseurin deines Lebens zu sein und immer wieder neue Wendungen in deinen Lebensfilm einfließen lassen.

 

Deine Sigrid

 

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