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Nein danke, ich brauche nur einen…

Ich stehe mit meiner Tochter an der Kassa eines Schuhgeschäfts. Sie hat mit der Verkäuferin über die neu gekauften Schuhe gequatscht. Freundlich schenkt ihr diese einen Luftballon und fragt: „Hast du ein Geschwisterchen? Soll ich dir noch einen zweiten Ballon mitgeben?“ Ich halte den Atem an. Was wird meine Tochter antworten? Soll ich mich in das Gespräch einmischen? Die Zeit scheint still zu stehen. Ich kann spüren, wie die Räder im Kopf meiner Tochter rattern. Schließlich holt sie Luft und sagt: „Nein danke, ich brauche nur einen.“ Ich atme wieder frei. Und denke: was für ein tolles Kind. Denn ich weiß genau wie es ihr geht. Wenn mich jemand fragt, wie viele Kinder ich habe, habe ich früher sehr oft abgewogen, wie viel ich preisgeben möchte. Um nicht selbst wieder in Tränen auszubrechen. Um anderen ein unangenehmes Gefühl zu ersparen. Und gleichzeitig wollte ich meine zweite Tochter nicht verleugnen. Zu sagen, ich habe nur ein Kind fühlt sich wie Betrug an. 

 

Manchmal mache ich es wie meine Tochter und finde eine Antwort, die weder bejaht noch verneint.

 

Meist sage ich mittlerweile, dass wir ein Sternenkind haben. So wie meine Tochter sich der ihr bekannten Supermarktverkäuferin anvertraute, als sie zum Geburtstag ein Überraschungsei geschenkt bekam. „Möchtest du noch eines für ein Geschwisterl?“ – „Nein, meine Schwester ist leider gestorben.“ – „Oh, das tut mir leid!“, antwortet die nette Verkäuferin und blickt zu mir. Schuldig sagt sie: „Ich wollte da nichts aufbringen.“ Und ich antworte freundlich, wenn auch mit Kloß im Hals: „Danke. Kein Problem. Es ist wie es ist. Wir gehen sehr offen damit um.“

 

Es ist eine Sache, dass ich als Erwachsene mit dem Verlust umgehen muss. Eine ganz andere ist es, meine Tochter zu begleiten. Denn es ist Teil ihres noch so jungen Lebens und wird sie prägen. Vor allem wird es sie prägen, wie wir als Eltern mit unserem Schicksal umgehen. Und wie sehr ich sie ihre eigenen Erfahrungen im Umgang mit der Trauer machen lasse. Ich für mich habe die Haltung eingenommen, dass ich da bin, um zu unterstützen, wenn mich der fragende Blick meiner Tochter trifft. Wenn nicht, lasse ich sie ihre eigenen Schritte gehen.

 

Ich traue es ihr zu, gesund durch ihre Prozesse zu finden. 

 

Vor einigen Wochen erzählt sie mir im Auto nach dem Kindergarten, dass sie ihren Freundinnen von ihrer Schwester erzählt hat und dann weinen musste. Ich frage sie, wem sie es erzählt hat und was ihre Freundinnen gemacht haben. „Sie haben zugehört und jetzt geht es mir wieder gut.“ – „Schön, dass du so gute Freundinnen hast, denen du das erzählen kannst,“ antworte ich. „Ja, das finde ich auch," tönt es zufrieden von der Rückbank.

 

Ich finde es wirklich schön, dass meine Tochter den Mut hat sich anzuvertrauen. Mir. In der Familie. Freundinnen. Pädagoginnen. Auch Verkäuferinnen. Und ich erinnere mich immer wieder daran mutig einen Schritt zurück zu treten und meine Tochter auf ihre Art und Weise mit dem Leben umgehen zu lassen.

 

Im Vertrauen darauf, dass sie ihr leben meistert.

 

Wir können von den Kindern eine Menge lernen. Allem voran uns Menschen anzuvertrauen. Und wenn sich dir jemand anvertraut, reicht es meist ehrlich da zu sein, zuzuhören und zu antworten: „Das tut mir wirklich leid für dich.“ 

 

Herzensgrüße,

Sigrid 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Bettina Stephanie Sohler (Freitag, 08 März 2019 08:25)

    Danke für den liebevollen, einfûhlsamen, achtsamen und authentischen Beitrag!!